Interview mit Elektronische Maschine am 15.07.2006 in Schleiden-Broich


Nach dem Konzert hatte ich die Möglichkeit mit den Musikern der Niederländischen Band Elektronische Maschine zu sprechen. Das sehr interessante Gespräch mit Richard de Boer, Jos Visser und Michael Malais, bei denen Michael die Antworten der anderen übersetzt hat, könnt ihr hier genießen:

Stephan: Elektronische Maschine ist eine Band aus den Niederlanden mit einem deutschen Namen. Wie kamt ihr dazu?

Richard: Wenn man den Bandnamen in Englisch ausspricht, dann heißt es Electronic Machine und das ist von der Aussprache her ein eher sanfter Ausdruck. Wenn man unsere Musik hört, dann merkt man, dass wir immer die Kraft suchen. Und da Elektronische Maschine kraftvoller klingt, haben wir den Namen auf Deutsch gewählt.

Michael: Ein anderer Grund, den Richard nicht genannt hat, ist auch, dass wir denken, das Deutschland, eine wichtige Quelle für gute elektronische Musik ist.

Stephan: Wenn ich mich richtig erinnere, hab ich euch vor vielen Jahren beim KLEM-Dag gesehen, als ihr eine Performance zur Musik von Kraftwerk gemacht habt. Ich glaube, das war der Titel „Die Roboter“. Wie kamt ihr damals dazu das zu machen? War das die Liebe zu Kraftwerk?

Michael : Ja, das war die Liebe zu Kraftwerk (lacht).

Stephan: Und wann seid ihr auf die Idee gekommen selber Musik zu machen?

Richard: Ich hab vorher noch nicht soviel gemacht, aber ich hab sehr viel Musik gehört. Und ich hatte bereits sehr viel im Kopf und dachte mir: „Ich versuch mal etwas selber zu machen“. Damals hatte ich noch nicht damit gerechnet, dass es solche Ausmaße haben könnte, wie es heute der Fall ist. Ich habe nur zum Spaß ein Keyboard gekauft und ich spiele ein bisschen damit rum. Und so kam eins zum anderen, das hat sich dann so entwickelt. Das war nicht geplant.

Stephan: Hat dieser Auftritt beim KLEM-Dag, diese Performance, das so ein bisschen gepuscht?

Richard: Nein.

Stephan: Also hattet ihr schon vorher geplant, Musik zu machen?

Richard: Ich hatte schon vor auf der Bühne vor Publikum zu stehen. Eine Art Roboter-Act lässt doch nur beschränkte Möglichkeiten auf der Bühne zu. Man kann nicht sehr viele Nummern machen, weil die sich dann doch sehr ähneln.

Michael: Das höchste, was man erreichen kann, ist ins Fernsehen zu kommen und das haben wir schon geschafft. Wir waren im Fernsehen bei einem sehr großen Sender, RTL, zu sehen. Da haben uns allein in Holland eine Millionen Zuschauer gesehen. Und man hat uns in der Woche danach auch noch auf der Straße erkannt. Nicht jeder, aber es waren schon einige. Unser Ziel war damit erreicht und wir wollten etwas Neues machen. Ich denke, dass es, als es mit der Elektronischen Maschine losging nicht darum ging, aufzutreten. Am Anfang sicher nicht. Es ging erst nur um Spaß.

Richard: Ich fühlte, dass ich Talent hatte und das baute ich dann aus. Dann kam der Jos dazu.

Stephan: Wenn ich das richtig sehe Richard, dann bist du der Kopf der Band?

Richard: Ja.

Stephan: Du komponierst auch die Stücke?

Richard: Ja, ich komponiere, die Sounds, die macht Jaap van Woerkom und die Perkussion macht Jos Visser.

Michael: In der Vergangenheit waren die Texte mehr von allen, aber auf der neuen CD, „Das Netz“ kommen die Texte hauptsächlich von mir. Also ich schreibe vorwiegend Texte.

Stephan: Ihr habt heute mehrere Stücke gespielt, die in Deutsch gesungen waren. Hat das auch mit der Nähe zu Kraftwerk zu tun.

Michael: Nicht Kraftwerk, aber die Kraft.

Stephan: Also ist die Deutsche Sprach eurer Ansicht nach kraftvoller als die englische?

Richard: Ja, sie hat mehr Power.

Michael: Aber wir singen auch auf Englisch.

Stephan: Wie ist die Resonanz der Zuchauer? Wie geht ihr damit um, wenn man euch mit Kraftwerk vergleicht? Ist das für euch positiv, also ein Kompliment oder eher eine Last?

Michael: Das ist für uns keine Last. Die Leute versuchen sich das Leben einfach zu machen, wenn sie sagen, wir hören uns nach Kraftwerk an. Das ist für uns ein Zeichen, dass sie unsere Musik nicht gut gehört haben. Es gibt mehr Einflüsse. Wenn man richtig hinhört, dann kann man auch andere Einflüsse aus der Musik heraushören. Für uns ist es auch ein Problem, wenn man die andere Musik hört, die bei Festivals wie KLEM-Dag (Anmerkung: heute E-Live) oder Alpha-Cetauri gespielt wird, die ähneln oft Klaus Schulze und Tangerine Dream. Und da spricht man dann drüber. Wenn man nun einen kleinen Klang benutzt, der sich nach Kraftwerk anhört, dann liest man in den Zeitungen Kraftwerk dies, Kraftwerk das… Aber keiner schreibt Klaus Schulze dies, Tangerine Dream das… Das ist das Problem. Und ich weiß nicht warum. Vielleicht gibt es nicht so viele Musiker, die kraftvolle Musik machen (alle lachen).

Stephan: Das wird es wahrscheinlich sein.

Michael: Es ist auch sehr schwierig, um das Niveau zu erreichen.

Richard: Der große Unterschied … (Anmerkung: Leider wurden wir unterbrochen von einer netten Dame, die noch Speisen anbieten wollte)

Michael: Wir besuchen sehr viele Konzerte wie bei E-live oder beim heutigen Festival. Und die Musik ist nicht schlecht, sie ist sehr schön. Aber was die machen ist, sie starten die Sequenz und spielen dann über diese Sequenzen bis ins Jahr 2050. Wir machen dagegen Songs. Unsere Songs haben eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende. Wenn man die Musik der anderen hört, da gibt es kein Ende. Es wird einfach ausgeblendet. Das ist unendliche Musik. Ich habe nichts dagegen, weil, ich mag das auch. Aber was wir machen, ist etwas anderes. Es ist auch schwierig in einem vier Minuten Song eine Geschichte zu erzählen. Und unsere neue CD ist wirklich eine Geschichte. Und ich weiß nicht, warum man uns immer mit Kraftwerk vergleicht, vielleicht weil wir anders sind.

Stephan: Wer kümmert sich denn von euch um die Performance? Es ist ja schon sehr lebhaft, was ihr da an Show geboten habt.

Michael: Da steckt sehr viel Emotion und Seele in der Performance. Es ist eine Entwicklung. Wir filmen jedes Konzert und unsere Perfomances. Wir analysieren dann unsere Auftritte. So suchen wir nach Verbesserungen und nach neuen Ideen. Das ganze ist ein Gruppenprozess um die Show weiter auszubauen. Wir suchen immer nach mehr Showelementen. Und das macht keiner alleine, das machen wir alle zusammen.

Stephan: Wenn ihr jetzt mit den Schlagelementen auftretet und nach vorn kommt, ist das mehr improvisiert oder ist es einstudiert?

Michael: Das ist einprogrammiert. Es ist wie ein Programm. Wir sind dann die Roboter. Die ganzen Bewegungen sind zu 100% eingeübt. Man kann auch sehen, dass da ein richtiges System hinter den Bewegungen steckt. Was mehr Improvisation ist, ist mit dem Minikeyboards. Das Schlagzeug ist wirklich fest, und das mit dem kleinen Keyboard, das ist mehr frei, um ein wenig locker zu werden. Die ganzen Songs sind durchgeplant, aber das Stück ist wirklich um etwas lockerer zu sein. Wir machen das auch um etwas Abwechslung ins Programm zu bekommen.

Stephan: Ihr seid heute hauptsächlich zu zweit aufgetreten und du Michael bist noch bei zwei Stücken dabei gewesen. Wie sieht die genaue Zusammensetzung der Band aus und wie lange seid ihr schon in der Formation zusammen?

Michael: In der Version zwei und drei? Heute zum ersten Mal. Das war mein Debüt (alle lachen).

Stephan: Hat man nicht gemerkt.

Michael: Hab ich dann ja nicht so schlecht gemacht. Ich habe auch geübt. Bei die nächste Auftritte werde ich die Lichter bedeinen auf die Buhne. So ich bin dann so etwas wie ein Lichtmusiker. Auf jedem werde daneben ich wieder ein Paar Stucke Live mitspielen.

Stephan: Ihr hattet im März 2002 auch schon bei der Schwingungenwahl in Duisburg einen Auftritt. Da wart ihr, wenn mich nicht alles täuscht auch schon zu dritt.

Michael: Wir haben auch sehr viel in der vergangenen Zeit mit drei Leuten aufgetreten.

Stephan: Der Jaap war doch auch dabei, oder nicht?

Michael: Ja, der war auch dabei, von Anfang an.

Stephan: Ich glaub er hat damals einen weißen Kittel getragen.

Alle: Oh ,a (lachen).

Michael: Wir sind davon überzeugt dass drei Burschen auf der Bühne ein besseres Showelement sind, als zwei Burschen. Das denke ich schon.

Stephan: Warum spielt Jaap jetzt nicht mehr mit?

Michael: Man hat schon unsere Show gesehen, den Beweis hat man schon.

Jaap: Ich fühlte, dass meine Talente wo anders liegen, als auf der Bühne. Ich arbeite lieber auf der anderen Seite von der Bühne. Und auch die Nähe zu dem Publikum finde ich nicht so gut (lacht).

Stephan: Aber du bist schon bei den Konzerten immer dabei?

Jaap: Ja, immer.

Stephan: Du hast vorhin gesagt, dass du die Sounds für die Band machst. Wie muss man sich das vorstellen?

Jaap: Ich gebrauche dazu eine Menge Fantasie, viele Synthesizern und mache auch Aufnahmen mit dem Mikrophon in der Natur.

Michael: Richtige Liveaufnahmen. Die Sounds werden nicht gekauft, die werden gemacht. Die Basis ist nur die Phantasie.

Jaap: Ich habe den Umgang mit Synthesizern studiert und auch die Technik von KORG habe ich mir angeeignet. Das ist mein Hobby.

Michael: Da steckt schon eine Wissenschaft dahinter. Wir gehen nicht los und kaufen die Geräusche, wir machen die selber. Und deshalb, wenn man richtig hinhört, klingen wir anders, als die anderen. Die Sounds sind anders. Noch ein Unterschied ist, das wir keinen Sequenzer benutzen. Wir machen keine Sequenzermusik. Wir spielen jeden einzelnen Ton selbst ein.

Stephan: Das heißt also, alles, was wir vorhin gehört haben, war live?

Michael: Nein, das ist nicht möglich.

Stephan: Du meintest, dass bei den Aufnahmen für eine CD alles selbst eingespielt wird?

Michael: Ja. Wenn du eine CD aufnimmst, kann man einen Sequenzer starten, einen Drumcomputer. Aber der Jos und der Richard schlagen jeden Ton mit der Hand an. So machen wir das.

Stephan: Wie geht es live bei euch weiter? Was habt ihr als nächstes geplant?

Michael: Es ist nicht so sehr unsere eigene Planung, es ist eher die Frage, was planen die Veranstalter mit uns. Wir haben nicht so viel zu planen.

Stephan: Sondern?

Michael: Die Veranstalter sollen bereit sein uns einzuladen, um zu spielen. Leider funktioniert das so.

Stephan: Und welche Konzerte stehen jetzt schon fest?

Michael: Am 30. September 2006 in Rotterdam im Exit und am 07. Oktober spielen wir wieder in der Nähe von Deutschland, in Roermond im Zaal Acht. Im Zaal Acht wird es eine Premiere geben, denn in der Location ist noch nie eine elektronische Band aufgetreten. Dort gab es sehr viele Konzerte in den Musikrichtungen Country, Jazz, Rock und Folk. Jetzt macht der Veranstalter einen neuen versuch mit uns.

Stephan: Die letzte CD von euch ist „Das Netz“ aus dem Jahr 2003. Das ist schon drei Jahre her. Wie sieht es mit einem neuen Album aus?

Richard: Voraussichtlich wird es 2007 fertig sein.

Stephan: Ihr seit also am planen. Habt ihr schon Stücke fertig?

Richard: Fünf Stücke sind fertig. Drei davon haben wir heute gespielt.

Stephan: Ihr habt bisher vier CDs produziert, von denen die erste nicht mehr erhältlich ist. Ist das richtig?

Michael: Ja.

Stephan: Wie heißt die vergriffene CD?

Michael: Reaktor. Fünf Produkte haben wir insgesamt herausgebracht. Das erste war eine Kassette mit dem Namen „Tanzen mit Computer“.

Stephan: Wie sind die Stücke auf der Kassette? Sind sie genau so wie auf den CDs?

Steffen Flick (Fan der Band): Die Stücke sind mehr Kraftwerk-orientiert.

Michael: Ja, das ist wirklich so. Am Anfang haben wir einen Sound gemacht, der mehr an Kraftwerk erinnerte. Später sind andere Einflüsse und andere Ideen hinzugekommen.

Stephan: Jörg hat vorhin bei der Ankündigung etwas von Human League gesagt. Heißt dass, das eure Wurzeln auch im 80’er Synthiepop liegen?

Michael: Ja, auf jeden Fall. Das ist ein sehr wichtiger Einfluss. Eine sehr wichtige Band für die Musik von Elektronische Maschine ist auch die Gruppe Koto (Anmerkung: hinter diesem Projekt stehen Anfrando Maiola und Stefano Cundari. Die Musik ist nicht mit der japanischen Variante zu verwechseln).

Stephan: Da muss ich gestehen, dass ich Koto nicht kenne.

Michael: Koto ist eine sehr interessante Gruppe. Aber die haben nicht viel gemacht. Das ist Italo-Music (Disco). Sie klingt ähnlich der Music von Laserdance. In unseren alten Stücken kann man auch den Einfluss von Koto heraushören.

Für Elektronische Maschine ist es wichtig, dass wir etwas Eigenes machen. Die kraftvolle Musik zusammen mit einer aktionsgeladenen Show, das wollen wir machen. Man sieht oft Shows, bei denen sich wenig auf der Bühne tut. Da kann man meiner Meinung nach auch die CD spielen und ein Poster vom Musiker aufhängen. Ich sage nicht, dass deren Musik schlecht ist, aber die Shows finde ich nicht gut, das darf ich sagen. ich langweile mich da ein bisschen. Ich war letztes Mal beim E-Live und da hab ich mich wirklich gelangweilt. Es haben zwar meine favorisierten Musiker gespielt, aber ich habe mich trotzdem gelangweilt.

Stephan: Es passiert oft zu wenig auf der Bühne.

Michael: Es passiert nichts. (lacht) Wir machen eine Show. Aber einige Leute meinen auch, dass wir zu viel Show machen.

Stephan: Vielen Dank für dieses sehr aufrichtige und interessante Gespräch.